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(M)eine andere Wahrnehmung – Wie ich nicht-autistische Menschen wahrnehme

Autorin: Frau Gee Vero -Künstlerin, Autorin und Schriftstellerin mit Asperger-Syndrom

Was ist eigentlich Wahrnehmung? Wahrnehmung entsteht, wenn Reize auf uns wirken. Dies können sowohl äußere Reize, also aus der Umgebung, als auch innere Reize sein. Wahrnehmung ist weder  sichtbar noch greifbar, denn sie entsteht in unseren Köpfen als eine Art Modell der Welt. Wahrnehmung ist immer subjektiv, d.h. jeder Mensch hat seine eigene Wahrnehmung, sein persönliches Abbild der Wirklichkeit. Auf dieses Abbild reagieren wir mit Verhalten. Erst unser Verhalten ist von außen wieder sichtbar und spürbar. Auf unser Verhalten wiederum reagiert unsere Umgebung. Danach werden wir von anderen Menschen beurteilt.

(M)eine autistische Wahrnehmung unterscheidet sich sehr von der Wahrnehmung nicht-autistischer Menschen. Das heißt bei mir, dass in meinem Kopf ein komplett anderes Modell der Welt entsteht, auf das ich dann mit einem anderen, von meiner Umgebung nicht erwarteten Verhalten reagiere. Mein anderes Verhalten ist also eine direkte Folge meiner anderen Wahrnehmung. Es ist nicht falsch, sondern „nur“ anders und unerwartet. Ich reagiere richtig auf meine Wahrnehmung. Dort liegt meines Erachtens das Problem. Wenn ein autistischer Mensch besser in der Gemeinschaft und damit auch im (Arbeits-)Leben zurechtkommen möchte, dann müssen er und seine Umgebung genau das verstehen und dann versuchen an seinem Modell der Welt, sprich an seiner Wahrnehmung, zu arbeiten. Genau das tue ich sowohl bei mir selbst als auch bei meinem Sohn Elijah, der frühkindlichen Autismus hat. Wir werden immer Autisten bleiben, aber wir können besser werden. Schauen wir uns nun die Besonderheiten der Wahrnehmung bei Autismus genauer an, die autistisches Verhalten als Konsequenz haben. 

 

 

Aber was ist autistische Wahrnehmung?

Waschmaschinentrommel
autistische Wahrnehmung

Ich nehme über bestimmte Sinneskanäle besonders intensiv oder zu wenig wahr. Die Intensität der Wahrnehmung schwankt zwischen hyper und hypo. Davon können nur einzelne oder alle Sinneskanäle betroffen sein. Oftmals reagiere ich auf einem Kanal über, aber auf allen anderen weniger oder gar nicht. Auch die sensorische Integration, die Verarbeitung der vielen Reize, verläuft bei Autismus ganz anders. Für mich gibt es weder wichtige noch unwichtige Reize. Alle Reize sind gleich wichtig. Ich nehme bis zu 30%  der eingehenden Reize bewusst wahr. Das allein macht es mir schon sehr schwer, mich in einer Welt zurechtzufinden, in der die meisten Menschen genau die Reize, die mich so überfordern, gar nicht mitbekommen. Bei ihnen funktioniert der Thalamus ( der Filter im Gehirn ) ausgezeichnet.  Meine Sinneswahrnehmungen sind nicht falsch, sondern vielmehr aus der Balance geraten. Während das nicht-autistische System nach Gemeinsamkeiten sucht, um auch neue Situationen erfolgreich bewältigen zu können, werden neue Situation für Autisten schnell potentiell gefährliche Situationen, da unser System nach den Unterschieden sucht.

Ich kann von mir und meinem Sohn sagen, dass bei uns der Zeiger dann „zu viel“ steht, wenn unser Stresslevel hoch ist oder steigt. Also wenn wir mit einer Situation überfordert sind oder die Energie zur Neige geht. Das betrifft alle meine Sinne. Alles wird ganz plötzlich scharf und vordergründig. Jetzt entgeht mir kein noch so kleines Detail mehr. Das heißt, die Anzahl der Stressoren nimmt sprunghaft zu. Ein schiefes Bild oder ein Rechtschreibfehler können jetzt einen sensorischen Overload auslösen. Was nicht-autistische Menschen vielleicht als extreme Anspannung in sehr außergewöhnlichen Stress- oder Gefahrensituationen kennen, also als einen Ausnahmezustand kennen, ist für viele autistischen Menschen der Alltag. Es gilt immer die höchste Gefahrenstufe bzw. es besteht immer die Gefahr, dass ich in den Überlebensmodus rutsche, in dem es nur noch darum geht, die Situation zu überstehen. Die meisten meiner „Gefahrensituationen“ werden von nicht-autistischen Menschen komplett anders wahrgenommen. Begrüßungen, Berührungen, Small Talk, Blickkontakt…alles Dinge, die für Sie kein Problem sind. Für viele autistische Menschen scheinen sie jedoch unüberwindbaren Hürden zu sein.

Zu wenig, nehme ich dann wahr, wenn ich nur einen Sinneskanal nutze. Ich nehme meine Umgebung fast nie über alle fünf Sinne wahr. Dennoch funktionieren diese Sinne einwandfrei. Man nennt das auch „Mono sein“ oder „Mono wahrnehmen“. Auf diesem einen Kanal habe ich dann eine sehr intensive bewusste Wahrnehmung, aber auf allen anderen Sinneskanälen wird viel weniger oder auch gar nichts mehr durchgelassen. Das heißt, wenn ich auf den visuellen Kanal, das Sehen, geschaltet habe, dann höre ich zwar noch, aber das Gehörte wird nicht weiterverarbeitet. Ich wirke dann als wäre ich taub. Da ich aber nicht taub bin, kommt meine Umgebung wiederum ganz schnell zu der Annahme, ich höre absichtlich nicht zu oder reagiere aus Trotz oder Boshaftigkeit nicht. Die Mono-Wahrnehmung ist eine Kompensationsstrategie, die ausschließlich der Reizreduktion dient und eine Reizüberflutung verhindert. Der Vorteil ist, dass ich in sehr schwierigen Situationen verbleiben und meiner Umgebung auch noch adäquates Verhalten zu zeigen kann. Die Nachteile sind 1.  Informationen aus den anderen Sinneskanälen gehen verloren und 2. das Umschalten von einem Sinneskanal auf den anderen dauert sehr lange und kostet viel Energie. Ich kann von mir sagen, dass ich oft ohne es zu merken auf den Mono-Kanal schalte und dann überraschen mich die Reaktionen meiner Mitmenschen umso mehr.

Mein bevorzugter Mono-Kanal ist das Sehen. Wenn dieser Kanal auf hyper läuft, dann werden mir mehr Reize bewusst als nötig. Dann sehe ich die Welt wie durch ein Vergrößerungsglas und nehme ich alle Details wahr. Mit diesem Rundum-Adlerblick wird mir auch jede Veränderung meiner Umgebung bewusst. So ändert sich durch den Wechsel des Lichteinfalls plötzlich der Raum so sehr, dass ich ihn nun als neu wahrnehme. Und damit als eine potenzielle Gefahr. Bei Gefahr bleiben mir nur drei Handlungsmöglichkeiten: Flucht, Kampf oder Starre. Begrüßungen, Berührungen, Ansprache, Hände schütteln, Small Talk, Blickkontakt - alle ungefährlichen Situationen, die mein System jedoch immer wieder als neu erfährt und deshalb als gefährlich bewertet. Das ist dann (m)eine andere Wahrnehmung. Nun habe ich nur Flucht-, Kampf- oder Starrereaktion als Möglichkeiten des Reagierens.

Das Verhalten, was ich dann zeige, ist komplett anders als es meine Umgebung erwartet. Spätestens dann, wenn mich Reize zu überfordern beginnen, muss ich mit einem Stimming beginnen. Ich bin dann nicht „weg“, sondern lenke mich mit Hilfe eines bekannten Reizes ab, um in der Situation verbleiben zu können. Durch eine Reizüberflutung kann es bei mir dazu kommen, dass ich meinen visuellen Kanal runterfahre oder abschalte. Dann nehme ich auf diesem nur wenig oder gar nicht wahr. Nun bin ich weder über Bilder erreichbar noch kann ich auf Zeigen oder Gezeigtes reagieren. Jetzt sehe ich wie durch eine Milchglasscheibe am Ende eines ziemlich langen Tunnels. Mein Sichtfeld ist jetzt extrem eingeschränkt. Es gibt auch Situationen, da fokussiere ich ganz besonders ein bestimmtes Objekt oder Muster, um besser zuhören oder still sitzen zu können. Ich kann immer dann besonders gut zuhören, wenn ich mich visuell auf eine bestimmte Sache konzentriere. Dieses Stimming ist eine Art Überkreuzen zweier Sinneskanäle und es mag nach außen so wirken, als wäre ich abwesend oder desinteressiert. Genau das Gegenteil ist der Fall. Hier entstehen noch zu oft Missverständnisse in der Begegnung mit autistischen Menschen.

Beim Hören ist es ähnlich wie beim Sehen. Wenn dieser Kanal auf voll aufgedreht ist, dann nehme ich nicht nur die Außengeräusche wahr, sondern dazu auch noch die Laute, die meine inneren Organe machen. Bin ich mono auf diesem Kanal unterwegs, dann ist die Geräuschkulisse ist ein einziges Durcheinander an Lauten, Tönen und Signalen. Jetzt habe ich Luchsohren und eine Neonröhre kann dann schon mal wie eine Bohrmaschine klingen. Wenn ich so in ein Restaurant oder ein Bahnhofsgebäude gehen muss, ist meine Grenze schnell erreicht. Auch der Tastsinn unterliegt diesen großen Schwankungen. Meinen Sohn muss ich manchmal richtig derb anfassen, damit er eine Berührung auch wahrnehmen kann. Er selber greift auch sehr heftig zu, um die Rückmeldung zu bekommen, dass er etwas oder jemanden angefasst hat. Trotzdem gibt es auch Zeiten, wo eine sanfte Berührung ganz schnell ganz viel Stress bei uns auslöst.

Läuft mein Tastsinn auf Hochtouren, kann es sein, dass ich Essen nicht wegen des Geschmacks ablehne, sondern weil es sich für mich einfach zu intensiv anfühlt. Genauso gut kann es dazu kommen, dass ich nur noch ein bestimmtes Nahrungsmittel verlange, weil es sich in meinem Mund so wunderbar anfühlt. Ist der Tastsinn auf ein Minimum reduziert, dann kann es sein, dass ich auf Berührung überhaupt nicht reagiere. Damit wären wir bei der  Körperwahrnehmung, die u.a. für die Ich-Bewusstheit sehr wichtig ist. Die Körperwahrnehmung hilft, uns in Räumen und in der Begegnung mit anderen Menschen adäquat zu verhalten. Über sie nehmen wir unsere Körperlage und  -bewegung und auch unsere Organe wahr. Meine Körperwahrnehmung ist so gering, dass ich schauen muss, wo ich im Raum bin und wie ich sitze oder stehe. Es fällt mir schwer, Abstände zu anderen Menschen als auch zu Objekten richtig einzuschätzen. Oft trete ich deshalb zu nah an Menschen heran. Bei einer geringen Körperwahrnehmung fällt mir das Benutzen von Werkzeugen wie Stiften oder Besteck sehr schwer. Ist meine Körperwahrnehmung zu hoch, dann kann ich auch Kleidung oder Berührungen, auch eigene, kaum ertragen.

Entscheidend ist immer wieder der Stresslevel. Das heißt, dass auch hier wieder ein adäquates Stimming wichtig ist. Viele autistische Menschen nehmen auch viel mehr Gerüche bewusst wahr. Wenn ich einen Raum voller Menschen bin, dann nehme ich so vieles über das Riechen wahr, dass ich ohne Stimming sofort einer Reizüberflutung ausgesetzt wäre. Hinzu kommen immer noch alle anderen Reize…Bewegungen, Farben, Muster, die unterschiedlichsten Geräusche und eben auch eine Vielzahl an Gerüchen. Das dezenteste Parfüm kann wie eine Stinkbombe wirken und so verhindern, dass ein autistischer Mensch, dessen Geruchssinn auf hyper gestellt ist, den Raum überhaupt betreten kann. Für mich ändert sich der gesamte Raum, sobald jemand zu essen beginnt oder Speisen und Getränke in den Raum getragen werden. Das lenkt mich unheimlich ab und ich muss bewusst gegensteuern, um weiterhin so funktionieren zu können, wie es von mir erwartet wird. Stimming ist bisher die einzige Kompensationsstrategie, die mir hier hilft. Ist mein Geruchssinn auf hypo, dann kann eine Selbstgefährdung nicht ausgeschlossen werden, da gefährliche Substanzen nicht rechtzeitig wahrgenommen werden. Dasselbe gilt für das Schmecken. Auch der Geschmackssinn ist ein Nahsinn, der bei autistischen Menschen sehr hyper reagieren kann. Speisen werden einerseits abgelehnt, weil sie viel zu intensiv wahrgenommen werden, andererseits werden viele Dinge zum Mund geführt, um sie zu erkunden. Wahrnehmung bei autistischen Menschen kann komplett anders sein als die Ihre, und damit auch das darauf folgende Verhalten.

Wenn sich der autistische Mensch dann nicht adäquat verbal ausdrücken oder erklären kann, steht die Umgebung oftmals sehr hilflos daneben. In solchen Situationen gilt es zu allererst die Ruhe zu bewahren und das Unverständliche auch dann zu akzeptieren, wenn das sehr schwer ist. Es ist nicht immer einfach herauszufinden, was einem autistischen Menschen hilft, aber es lohnt sich allemal. Auch wenn Sie gar nicht wissen, wo das Problem liegt oder was die Lösung sein könnte, zeigen Sie dem autistischen Menschen, dass Sie  Verständnis für ihn und sein Sein haben. Das allein kann schon viel bewirken.

Inklusion entsteht aus der Bereitschaft, Menschen so zu anzunehmen, wie sie sind, ganz egal, ob wir selbst genauso sind oder eben ganz anders.

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